Mein Jahresrückblick 2025

2025 war für mich ein Jahr tiefgreifender Veränderungen.
Ich habe meinen Vater verloren. Ich habe mich von meinem Mann getrennt. Zwei Abschiede, die mein Leben grundlegend verändert haben.

Dieser Jahresrückblick ist kein Rückblick auf Ereignisse — sondern auf meinen Prozess: Trauer, Wut, Loslassen, Selbstzweifel und der Weg zu mir …

Alles wird – Verlust, Abschied, Loslassen

„Der Satz „Alles wird gut“ ist genaus dumm wie der Satz „Alles wird schlecht“. Was wir sagen können: „Alles wird.“ Juli Zeh in einem Interview der Zeit vom 30. Dezember 2025.

Beim Schreiben meines Jahresrückblick stieß ich auf dieses Zitat und musste schmunzeln. Ja, 2025 war, es war aber weder gut noch schlecht. Es war einschneidend. War es ein glückliches Jahr?

Dazu fand ich im gleichen Artikel ein weiteres Zitat, das mein Erleben sehr gut beschreibt:

„Das Problem ist, dass wir Glück heute anders definieren. Wir verwechsle es oft mit dem Nichtstattfinden von Herausforderungen. Dabei ist das kontraintuitiv…. wir müssen aufhören, zu glauben, dass wir dann glücklich sind, wenn nichts Schlimmes passiert. Ich will damit nicht tragische Ereignisse in etwas Positives ummünzen, ich will nur sagen, dass wir als Menschen die Fähigkeit haben, Erfüllung in der Bewältigung von Herausforderungen zu finden und zwar mehr als im Stillstand.“

Zwei Ereignisse, die mein 2025 geprägt haben

Im letzten Jahr gab es in meinem Leben zwei große — eigentlich riesige — Themen.
Sie haben alles andere überschattet und viele kleinere Erlebnisse in meiner Erinnerung verblassen lassen.

Abschied von meinem Vater

Am 26. April 2025 ist mein Vater gestorben.

Jetzt bin ich eine Mutter ohne Eltern. Und da ich Einzelkind bin, zugleich auch die Älteste meiner Kernfamilie.

Mein Papa war ein bemerkenswerter Mann. Er hat viel erschaffen und viel erreicht. Es gibt Nachrufe und Zeitungsartikel über ihn, und ich bin ohne Zweifel stolz auf ihn. 

Das ist die eine Seite.

Die andere ist, dass ich vieles nicht kennengelernt habe, was — zumindest meiner Vorstellung nach — zu einer klassischen Vater-Tochter-Beziehung gehört.
Mein Vater lebte für seine Arbeit, seine Berufung. Er war ein brillanter Kopf — aber emotional für mich oft nicht greifbar und häufig auch physisch nicht da.

Wenn ich an meinen Vater denke, tauchen widersprüchliche Gefühle auf:
Liebe, Verletzung, Enttäuschung, Trauer, Wut — und auch Freiheit.

Ich liebe meinen Vater

Und gleichzeitig habe ich mich oft von ihm nicht geliebt gefühlt. Deshalb habe ich versucht, mein Leben unabhängig von ihm zu gestalten.

Heute glaube ich, dass das nur begrenzt möglich.

Wir entwickeln uns unser Leben lang — oder zumindest solange unsere Eltern leben — in Beziehung zu ihnen. Sie sind unsere ersten Bezugspersonen. Diejenigen, die uns bewusst oder unbewusst vermitteln, wie wertvoll wir sind. Und oft auch die, die uns verletzen können.

Meine Mama hat mir immer wieder gesagt, wie wertvoll ich für sie war. „Du bist das einzig Gute, was in meinem Leben passiert ist“ , sagt sie in bester Absicht und legte mir damit doch eine große Last auf. Das konnte ich natürlich erst als Erwachsene wirklich erkennen.

Mein Papa hingegen sagte mir nie, was ich ihm bedeutete. Nicht nur, weil er selten da war — er konnte es offenbar auch nicht zeigen. 

Insbesondere im Kontrast zur überbordenden Zuneigung meiner Mutter erschien er mir sehr kritisch oder sogar ablehnend mir gegenüber.

Das machte mich unsicher. Meine Verarbeitungsstrategie war der Trotz. Ich lehnte mich auf, ging innerlich auf Distanz — ohne es wirklich zu wollen oder zu verstehen.

So habe auch ich ihm meine Liebe oft vorenthalten. Und doch habe ich ihn geliebt. So gut ich konnte.
Und ja — er hat mich auch geliebt. Davon bin ich überzeugt. So gut er es konnte.

Die alte Wunde

In biografischen Veröffentlichungen über meine Vater, finden sich Informationen zu seiner Herkunft als Sohn eines Bergmanns und natürlich über seine Arbeit, seine Leistungen und Auszeichnungen. Über Kinder findet man nichts.

Als ich die KI nach „Bernhard Korte Kinder“ befragte, bekam ich folgende Antwort:

„In öffentlich verfügbaren biografischen Quellen zum Bonner Mathematiker und Arithmeum-Gründer „Bernhard Korte (1938–2025) werden keine Informationen über eigene Kinder genannt.“ 

Wenn ich diese sachliche Beschreibungen lese, spüre ich sehr deutlich meine alte Kindheitswunde.
Ich habe mich als seine Tochter nie wirklich gesehen gefühlt. Oft hatte ich das Gefühl, nicht richtig zu sein — nicht die Tochter, die er sich gewünscht hätte.

Mein Vater war willensstark, bestimmend und ging konsequent seinen eigenen Weg. Auch ich bin meinen ganz eigene Weg gegangen. Das habe ich von ihm gelernt und an meine Kinder weitergegeben. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar.

Allerdings habe ich mich genau damit auch seinen Wünschen und Vorstellungen widersetzt. Als bestimmender Mensch wollte er bestimmen, wie ich lebe. 

Zudem war mein Versuch, unabhängig zu sein, damals nicht souverän — sondern trotzig.

Das führte zu gegenseitigen Verletzungen.

Verzeih mir, Papa.

unsere Hände

Die Wahrheit oder die Ent-täuschung

Lange dachte ich, wir hätten gegen Ende seines Lebens vieles geklärt und ich hatte das Gefühl, meinem Vater ohne kindlichen Trotz begegnen zu können.

Erst nach seinem Tod wurde mir klar, dass das nur teilweise stimmte. 

Das zu verstehen, war das Ende der Täuschung – die Enttäuschung.

Ich hätte so gerne erlebt, dass wir unsere Verstrickungen gemeinsam lösen — bewusst, miteinander. Aber vielleicht gibt es keine perfekten Beziehungen, keine vollständige Auflösung zu Lebzeiten. Und vielleicht hätte es dafür etwas gebraucht, das mir lange schwer gefallen ist:

Wut, die ich nie fühlen wollte

Wut zu fühlen war für mich nie leicht.
Ich habe gelernt, dass Wut unangemessen ist, nichts bringt, „dumm“ ist. Also habe ich sie unterdrückt, kontrolliert — und mich damit manchmal sogar überlegen gefühlt.

Heute sehe ich das anders.

Wenn wir Wut nicht fühlen, verschwindet sie nicht. Sie zeigt sich nur auf andere Weise.
Es geht nicht darum, Wut ungefiltert herauszulassen — aber auch nicht darum, sie zu verdrängen.

Ich habe lange versucht, die Beziehung zu meinem Vater zu kontrollieren — statt sie mit allem zu leben, was dazugehört. Auch mit Wut. Und deshalb sage ich heute:

Ich bin wütend,  dass ihm seine Arbeit wichtiger war als seine Familie.
dass er nicht mit mir reden konnte.
dass er mir nicht geben konnte, was ich mir gewünscht habe.
dass er sich zurückzog, wenn es schwierig wurde.
dass er mir nicht zeigen konnte, dass ich so, wie ich bin, in Ordnung bin.

Und ich bin wütend auf mich,
dass ich es zu seinen Lebzeiten nicht geschafft habe, unsere Verstrickung wirklich zu lösen.

Diese Wut darf da sein.

Trauer

So viel Wut da ist — so viel Trauer ist auch da.

Ich vermisse meinen Vater. Ich vermisse seine Stimme. Unsere Gespräche.
Und ich habe keine Zeit mehr, ihm zu sagen, was mir wichtig gewesen wäre.

Am Tag vor seinem Tod sagte ich zu ihm: „Ich habe dich lieb.“
Er antwortete: „Ich weiß.“

Trauer und Wut gehören zusammen, wie zwei Seiten einer Medaille.
Ich neige dazu meinen Wut hinter der Trauer zu verstecken — deshalb habe ich ihr hier bewusst mehr Raum gegeben.

Freisein

So sehr ich meinen Vater vermisse — sein Tod hat etwas in mir gelöst.
Der leiser innere Druck, ihm gefallen zu wollen, ist verschwunden.

Vielleicht ist vollständige Ablösung zu Lebzeiten gar nicht möglich.
Vielleicht entsteht dieses Gefühl erst jetzt.

Und dadurch habe ich jetzt die Chance, mich selbst zu (er)leben.

Das macht mich unendlich neugierig: Wer bin ich — ohne diesen inneren Bezugspunkt?
Was entfaltet sich jetzt?

Möwen und Menschen in Brighton

Ich fühle Leichtigkeit und erinnere mich an meinen ersten Jahresrückblick 2022 — und an mein Krafttier, den Schmetterling.

Eine liebe Begleiterin bestätigte mir dieses Jahr, dass ich wie ein Schmetterling wirke — bunt, freiheitsliebend, den man nicht einzusperren darf und der nur in der Freiheit und in seiner ganzen Verletzlichkeit das ganzes Potenzial entfalten kann.

Und es führt mich direkt zum zweiten großen Thema dieses Jahres:

Das Ende meiner zweiten Ehe

Nach 14 Jahren Ehe habe ich mich 2025 von meinem Mann und dem Papa meines jüngsten Sohnes getrennt.

Warum? Ich habe sehr lange an einer erfüllten Beziehung gearbeitet. Wir waren aber beide nicht glücklich — und wurden immer unglücklicher. Schließlich kam der Moment, in dem ich nicht mehr wusste, was ich an mir noch ändern konnte, ohne mich zu verbiegen. 

Eine Beziehung, die alleine auf der Hoffnung beruht, dass der Partner sich ändert, kann ich nicht führen. Die Trennung war der einzig mögliche Weg.

Interessanterweise traf ich diese endgültige Entscheidung, als sich mein Vater aus dem Leben verabschiedete. Zwei Abschiede von zwei bedeutenden Männern in einem Jahr. Das beschreibt ziemlich genau, warum ich anfangs gesagt habe, 2025 war wirklich ein einschneidendes Jahr.

Der Traum von Familie

Es ist die zweite Trennung von einem Vater meiner Kinder und das habe ich mir definitiv anders vorgestellt. Ich dachte immer, ich bleibe mit dem Vater meiner Kinder zusammen. Mein Wunsch nach einer stabilen und harmonischen Familie war sehr groß. 

Ich wollte doch ganz anders leben, als es mir meine Eltern vorgelebt haben. 

Nach meiner ersten Trennung, war ich überzeugt, dass es beim zweiten Mal ganz anders sein werde, viel besser, leichter und erfüllter. 

So schade, dass es trotz aller Bemühungen nicht geklappt hat! Das ist meine Enttäuschung. Was bleibt ist:

Traurigkeit

Es ist vorbei.

Ich erinnere mich an alles Schöne, das wir geteilt haben: die Verbindung, die Wärme, die Abenteuer, die Leidenschaft, die Hoffnungen.

Es ist unendlich traurig, dass wir das nicht mehr haben.

einer der Supermonde 2025

Wut

Ja, und ich bin wütend. Auf ihn. Auf mich. Auf uns.

Dass wir es nicht geschafft haben. Dass wir uns verloren haben. Dass die Trennung nicht friedlicher möglich war.

Diese Wut ist Teil des Prozesses. Es ist Zeit, die Wut zuzulassen und sie nicht weg zu kontrollieren.  Sie zeigt, dass hier etwas gewirkt hat — und dass ich es jetzt loslassen darf.

Selbstzweifel

Natürlich tauchen Fragen auf: Liegt es an mir? Warum bin ich es wieder, die die Trennung ausspricht? 

Vielleicht bin ich nicht richtig?… nicht fähig zu lieben? Warum wiederhole ich Muster? Warum gelingt es mir nicht, mich im gegenseitigen Frieden zu trennen? 

Ich erkenne meine alte Vaterwunde wieder. Selbstzweifel sind schmerzhaft, aber ehrlich. Und wahrscheinlich ist auch das jetzt genau meine Chance, diesen Zweifeln zu entwachsen. 

Liebe und Dankbarkeit

Liebe vergeht nicht, sie ändert nur ihre Form. 

Die Erinnerungen, die Verbindung, die Wärme — sie bleiben.

Ich bin dankbar für die Zeit, die wir hatten, für das, was ich lernen durfte, und für die Liebe, die in mir weiterlebt. Und das gilt natürlich genauso für meinen Ex- Mann, dem Vater meinen beiden großen Söhne, als auch für meinen „Noch- Mann“: Danke, dass es euch gab und dass wir so wunderbare Kinder haben. Meine Liebe lebt in diesen Kindern weiter!

Weihnachten habe ich das erste Mal gemeinsam mit meinem Ex-Mann, seiner Frau und unseren beiden großen Söhnen gefeiert. Es war warm, herzlich und verbindend. Ein kleiner Beweis, dass es möglich ist, auch nach Trennung respektvoll und liebevoll miteinander zu sein.

Ich hoffe, dass das auch bald mit meinem Noch-Mann möglich ist – aber dass kann ich nicht kontrollieren…

Erleichterung und Raum für mich

Und damit komme ich zum Loslassen.

Endlich Raum, um mich selbst wiederzufinden. Endlich Platz für meine Gefühle — traurig, wütend, lebendig, liebevoll. Endlich die Gewissheit, dass dieser Weg der richtige für mich ist.

Weitblick beim Schwitzhüttenritual

Noch wechselt meine Stimmung, an manchen Tagen fühle ich Leichtigkeit, an anderen Unsicherheit oder unendliche Traurigkeit. 

Einige Sicherheiten fallen weg und doch habe ich eine andere Sicherheit gefunden, ganz tief in mir drin: Ich gehe meinen Weg. Ich komme bei mir an — frei, verletzlich, bunt.

Zukunft meines Coaching Business…

In diesem Jahr habe ich auch viel über mein Coaching und meine Präsenz in Social Media nachgedacht.

Warum habe ich mich zurückgezogen? Vielleicht, weil es sich nach dem Tod meines Vaters nicht angemessen anfühlte, weiter zu posten. Vielleicht brauchte ich Zeit. Vielleicht wollte ich die Tiefe meiner Erfahrungen erst einmal für mich behalten.

Hier mein letzter Post:

Seitdem habe ich immer wieder überlegt, wie ich meine Fähigkeiten einsetzen möchte. 

Meine Coachingausbildung habe ich ursprünglich begonnen, um meine Beziehung zu retten. Jetzt eröffnen sie mir neue Möglichkeiten — für mich selbst und für andere. 

Im Januar war ich auf dem Into-Being Life Event meiner Ausbilderin Dana Schwandt. Es war sehr schön, sie und viele alte Bekannte wiederzutreffend und mir ist gleichzeitig klar geworden, dass dieser Weg bei aller Dankbarkeit für das was ich von ihr gelernt habe, nicht (mehr?) meiner ist und auch nicht sein wird.

Meine Erfahrungen öffnen neue Wege — für mich und für andere, eng verbunden mit meiner Erfahrung und meinen Wurzeln im Yoga, der Körper- und der Atemarbeit.

Vielleicht entsteht daraus etwas ganz Neues. Es bleibt spannend….

Ausblick

2025 hat mir gezeigt, wie viel Kraft in Loslassen, wie viel Wahrheit im Hinschauen und wie viel Freiheit im Durchleben steckt. 

Es war ein Jahr voller Verlust, Schmerz, Wut, Trauer — aber auch voller Liebe, Dankbarkeit und Freiheit.

Ich bin verletzlich, ich bin wütend, ich bin traurig — und gleichzeitig bereit.

Der Schmetterling fliegt wieder — bunt, verletzlich und frei, in das Jahr des Pferdes hinein.

Happy Chinese New Year!

Screenshot
9–13 Minuten
2.100 Wörter

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